Article on the ‘Reply All’ show on artiberlin.de by Thea Dymke, THX!
http://www.artiberlin.de/article/Vom_Code_zur_Kunst_Aram_Bartholl_im_DAM_Berli

Vom Code zur Kunst: Aram Bartholl im [DAM] Berlin

Titelbild

 

„Schreib‘s mir auf meine Pinnwand!“ spricht der Digital Native mit gekonnter Lässigkeit und kann sich heute sicher sein, dass er –solange unter seinesgleichen weilend – nicht mit der Frage nach Stecknadeln, Korkwand oder gar Papier belästigt wird. Nein, längst hat das Netz ursprünglich analoge Begriffe aufgesogen und im Namen der digitalen Beziehungspflege einverleibt.
Gleichzeitig werden neue Wörter und Gesten eingeschleust: Wer hätte früher schon alles „liken“ wollen, was gefällt?  Wem wäre ein „re-tweet“ als sinnvolle Alternative zum Weitertratschen an Freunde erschienen? So plappern wir in unseren Netzvokabeln, leisten artig Folge und tun, was das Internet von uns verlangt.
Der Künstler Aram Bartholl dreht den Spieß um: in seinen Arbeiten überträgt er Prinzipien aus dem Internet in unsere physische Welt. Er platziert riesige rote A-Pins nach Google Vorbild im Straßenraum oder Sprechblasen mit Chat-Ausschnitten über den Köpfen von Besuchern. “Vom Code zur Kunst“ könnte Bartholls Credo lauten, ebenso wie der treffende Titel des ersten Videoclips auf seiner Website.

Eigenes Bild 2 (gross)
Die Galerie [DAM ]Berlin zeigt mit Reply All nun erstmals eine Einzelausstellung des UdK-Absolventen. Hier werfen Schriftzüge plötzlich Sinnfragen auf:  So genannte Captcha Codes (verschwommene Schriften zur Vermeidung von automatisiertem Spam, die der Nutzer entziffern und wiederholen muss)  hängen an Wänden und fragen ihre Betrachter im Titel „Are you human?“  Eine Prüfung, der wir uns im Netz bedenkenlos unterziehen, die in dieser Dimension jedoch eine ganz andere Bedeutung erhält.
Das Projekt Dead Drops gehört zu Bartholls bekanntesten Arbeiten und nutzt eingemauerte USB-Sticks als allgemein zugängliche Datenablage. Wer hier Daten zieht, hoch lädt oder teilt, erhält einen Einblick in das Gedankengewirr der Großstädter. Und beteiligt sich gleichzeitig am Aufbau eines kollektiven Datenbildes.

Eigenes Bild 3 (gross)

In seiner neuesten Arbeit, einer Verbindung aus Performance und Installation widmet sich der Künstler nun der Anonymous-Bewegung. Als Teil der Netzkultur und steht sie für ein hierarchiefreies und offenes Kollektiv, dass Wissen und Informationen miteinander teilt, Aktionen plant und durchführt. Ihr Markenzeichen sind  jene Guy-Fawkes-Masken, die uns aus der Occupy-Bewegung nur allzu bekannt erscheinen. Ein Symbol, das Anonymität und Identifikation gleichermaßen versinnbildlicht und längst aus der digitalen Welt in die Protestzüge der New Yorker Straßen überschwappte. Bartholl wendet sich damit expliziter als zuvor politischen Themen zu, verliert einen Teil des zwinkernden Wohlfühlfaktors seiner bisherigen Arbeiten, markiert stattdessen seine Position  im netzpolitischen Umfeld. Sie zu verstehen, genau wie die zahlreichen cleveren Drehungen und Wendungen in Bartholls Arbeiten setzt voraus, dass man die Formalsprache des Internets kennt.  Ein Appell  an uns digitale Ureinwohner, sich nicht nur dem massenhaften Liken von Links  zuzuwenden, sondern das Netz und seine Funktionen aufmerksam zu betrachten. Um sich umso mehr an Bartholls kreativen Umkehrungen zu erfreuen.